Zwischen Unterhaltung und Überforderung: Wie erleben junge Menschen Social Media? Die JIMplus-Studie 2026 untersucht das digitale Wohlbefinden von Jugendlichen in Deutschland. Was Lehrkräfte aus der Studie mitnehmen können.
Social Media sind fest im jugendlichen Alltag verankert. Trotz intensiver Nutzung haben viele junge Menschen einen kritischen Blick auf TikTok und Co. Ablenkung oder Ausgrenzung? Bestätigung oder Belastung? Spaß oder Stressfaktor? Lehrkräfte können Jugendliche beim sicheren Umgang mit Social Media begleiten. Wie das gelingt?
Das Wichtigste in Kürze
Social Media gehört zum Alltag Jugendlicher: 76 Prozent nutzen soziale Netzwerke in ihrer Freizeit. Gleichzeitig zählen nur 19 Prozent Social Media zu den Aktivitäten, bei denen sie sich besonders wohlfühlen.
Ablenkung ist ein zentrales Thema für Schule: 72 Prozent fühlen sich durch Social Media von anderen Aufgaben abgelenkt, 40 Prozent berichten von Konzentrationsproblemen.
Im Unterricht wird Social Media bislang selten aufgegriffen: Nur 23 Prozent der Jugendlichen beschäftigen sich nach eigener Aussage regelmäßig in der Schule mit Social Media und einem sicheren Umgang damit.
Lehrkräfte können Medienkompetenz gezielt stärken: Fake News, Hate Speech, belastende Inhalte, Algorithmen und der bewusste Umgang mit dem Smartphone bieten konkrete Anknüpfungspunkte für den Unterricht.
Verbote allein reichen nicht aus: Schulen können Jugendlichen helfen, ihr eigenes Nutzungsverhalten zu reflektieren, Grenzen zu setzen und Strategien für einen selbstbestimmten Umgang mit Social Media zu entwickeln.
Medienbildung ist mehr als „Wie bediene ich ein Smartphone?“
Für Lehr- und Fachkräfte sind die Ergebnisse der JIMplus-Studie 2026 besonders relevant. Denn sie zeigen: Medienbildung bedeutet heute nicht nur, digitale Geräte kompetent bedienen zu können. Wichtig ist, die eigene Mediennutzung zu reflektieren, belastende Inhalte einzuordnen und Grenzen zu setzen.
Bereits die JIM-Studie 2025 verdeutlichte, wie präsent Smartphones im Alltag Jugendlicher sind: Die durchschnittliche Handy-Bildschirmzeit lag bei 231 Minuten am Tag. Die JIMplus-Studie 2026 ergänzt diese Perspektive um die Frage: Wie geht es Jugendlichen mit ihrer digitalen Mediennutzung? Stichwort: Digitales Wohlbefinden – oder auch „digital wellbeing“.
Was ist digital wellbeing?
Digitales Wohlbefinden oder „digital wellbeing“ beschreibt einen möglichst ausgewogenen Umgang mit digitalen Medien. Es geht darum, wie sich die Nutzung auf das persönliche Erleben, die mentale Gesundheit und den Alltag auswirkt. Stress und sozialer Druck durch Social Media haben dabei einen negativen Einfluss.
Was untersucht die JIMplus-Studie 2026?
Die jährlich erscheinende JIM-Studie untersucht das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen. JIMplus 2026 ist eine ergänzende Sonderstudie und legt den Schwerpunkt gezielt auf das digitale Wohlbefinden von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren.
Die Studie zu Mediennutzung fragt nicht nur: Welche Plattformen sind beliebt? Sondern vor allem: Was erleben Jugendliche dort – und was tut ihnen gut oder nicht gut? Dazu kombinierte der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) qualitative und quantitative Methoden:
33 Jugendliche dokumentierten zunächst ihren digitalen Alltag in einem WhatsApp-Tagebuch.
20 Jugendliche wurden danach in vertiefenden Online-Einzelinterviews befragt.
Darauf aufbauend fand eine repräsentative Online-Befragung von 800 Jugendlichen statt.
5 zentrale Erkenntnisse für Lehrkräfte: JIMplus in Zahlen
Pro oder Contra? Social-Media-Nutzung im Unterricht reflektieren
Die JIMplus-Studie beschreibt Social Media als ambivalenten Erfahrungsraum. Jugendliche erleben dort gleichzeitig positive als auch belastende Dinge:
Pro
- Unterhaltung und gewollte Ablenkung
- Inspiration
- Zugang zu Wissen
- Austausch mit Gleichgesinnten
- soziale Verbundenheit
Contra
- Zeitverlust und Überforderung
- Schwierigkeiten beim Aufhören
- ungewollte Ablenkung
- sozialer Vergleich
- Druck, online gut anzukommen
- FOMO
- problematische oder verstörende Inhalte
Für Schulen sind insbesondere die Themen Aufmerksamkeit und Selbstregulation relevant. Denn wenn Jugendliche Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit selbst zu steuern oder das Smartphone bewusst beiseitezulegen, kann sich das auch bei Hausaufgaben, Lernphasen und im Unterricht bemerkbar machen.
Hier setzt gezielte Reflexionsarbeit im Unterricht an. Fragen für die Reflexion können zum Beispiel sein:
Tut mir meine Mediennutzung überwiegend gut?
Kann ich selbst entscheiden, wann ich das Smartphone weglege?
Bleibt genügend Zeit für Schlaf, Bewegung, Freundschaften und Erholung?
Kann ich mich konzentrieren, ohne ständig zum Smartphone zu greifen?
Wie gehe ich mit Inhalten um, die mich verunsichern oder belasten?
Kenne ich Strategien, mit denen ich meine Nutzung verändern kann?
Problematische Inhalte auf Social Media: So können Lehrkräfte sensibilisieren
Fake News, Hate Speech und belastende Inhalte gehören zur digitalen Lebenswelt: Die JIMplus-Studie 2026 zeigt, mit welchen problematischen Inhalten Jugendliche in sozialen Netzwerken bereits in Kontakt gekommen sind. Besonders verbreitet sind:
Fake News: 71 % hatten bereits Kontakt
extreme politische oder religiöse Inhalte: 43 % hatten bereits Kontakt
Hate Speech bzw. diskriminierende Inhalte: 40 % hatten bereits Kontakt
Als besonders belastend bewerten Jugendliche ungewollte Nacktbilder, Mobbing, die Verharmlosung von Essstörungen und selbstverletzendem Verhalten sowie drastische Gewaltdarstellungen.
Der Umgang damit zeigt Handlungsbedarf: 58 Prozent scrollen meistens einfach weiter. Mehr als ein Drittel gibt an, sich an viele solcher Inhalte bereits gewöhnt zu haben. Nur etwa ein Viertel meldet sie bei der jeweiligen Plattform. Schulen können hier ansetzen und Aufklärungsarbeit leisten, indem Schülerinnen und Schüler lernen,
Quellen und Absender zu bewerten,
Hate Speech und Diskriminierung einzuordnen,
Straftaten wie Cybergrooming als solche zu erkennen,
Melde- und Blockierfunktionen zu nutzen,
persönliche Grenzen wahrzunehmen,
belastende Inhalte nicht unreflektiert weiterzuverbreiten,
Social-Media-Mechanismen für Algorithmen kritisch zu hinterfragen
und geeignete Ansprechpersonen und Hilfsangebote zu kennen.
Exkurs: Social Media, Körperbild und Wohlbefinden
In der Studie geht es auch um das persönliche Wohlbefinden und das eigene Körperbild. Grundsätzlich schätzt die große Mehrheit der Jugendlichen ihr persönliches Wohlbefinden positiv ein. Unterschiede zeigen sich jedoch beim Körperbild. 34 Prozent der Mädchen und 20 Prozent der Jungen geben an, sich im eigenen Körper nicht wohlzufühlen.
Zusammenhang mit Social Media? Von den Mädchen, die TikTok täglich länger als eine Stunde nutzen, stimmen sogar 49 Prozent der Aussage zu, sich im eigenen Körper nicht wohlzufühlen. Für den Unterricht sind die Befunde ein sinnvoller Gesprächsanlass. Themen für Medienkompetenz-Projekte können etwa sein:
Schönheitsideale auf Social Media
Filter und Bildbearbeitung
Inszenierung und Realität
sozialer Vergleich
Influencer-Marketing
Die JIMplus-Studie stellt deskriptive Zusammenhänge fest. Zusammenhang bedeutet nicht Ursache: Ob intensive Social-Media-Nutzung das Wohlbefinden beeinflusst, Jugendliche mit geringerem Wohlbefinden bestimmte Plattformen stärker nutzen oder weitere Faktoren eine Rolle spielen, lässt sich aus den Daten nicht ableiten.
Medienbildung als Gemeinschaftsaufgabe von Eltern und Schule
Jugendliche, die mit ihren Eltern über ihre Online-Erfahrungen sprechen, zeigen häufiger Verständnis für Regeln zur Smartphone-Nutzung. Umgekehrt fällt das Verständnis geringer aus, wenn Jugendliche wenig Interesse der Eltern an ihren Online-Erfahrungen wahrnehmen.
Schlussfolgerung: Medienpädagogische Elternarbeit sollte berücksichtigt werden, um gemeinsame Leitlinien zu entwickeln und Eltern dabei zu unterstützen, mit Jugendlichen über Social Media zu sprechen.
Fazit: Digitales Wohlbefinden als Teil der Medienbildung
Die JIMplus-Studie 2026 macht deutlich: Social-Media-Plattformen ermöglichen Jugendlichen Unterhaltung, Zugang zu Wissen und Gemeinschaft. Gleichzeitig erleben sie Ablenkung, Schwierigkeiten beim Aufhören, Vergleichsdruck und belastende Inhalte.
Für Schule und Bildungsarbeit bedeutet das: Die Diskussion sollte nicht bei „Handy erlaubt oder verboten?“ enden. In der zeitgemäßen Medienbildung kommt es darauf an, Jugendliche darin zu stärken,
das eigene Nutzungsverhalten zu reflektieren,
Chancen und Risiken digitaler Angebote einzuschätzen,
Mechanismen sozialer Netzwerke zu verstehen,
belastende Inhalte zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren,
bewusste Auszeiten zu schaffen
und bei Problemen Unterstützung zu suchen.
Digitales Wohlbefinden ist damit ein wichtiger Teil moderner Medienkompetenz und der Prävention exzessiver Mediennutzung. Schule kann Jugendlichen einen Raum bieten, in dem sie ihre alltäglichen Erfahrungen mit Social Media einordnen, hinterfragen und gemeinsam Strategien für einen selbstbestimmten Umgang entwickeln. Weitere Impulse erhalten Sie im Lehr- und Fachkräfte-Bereich auf unserer Webseite.