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Der Medienkonsum durchdringt viele Bereiche der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen – vom Familienleben bis zum Schulalltag – und sorgt dabei nicht selten für Konflikte. Ohne Smartphone aus dem Haus zu gehen oder eine längere Zeit vom Internet abgeschnitten zu sein, ist für Kinder und Jugendliche schlicht undenkbar.
Medieninhalte und Mediengeräte sind allgegenwärtig und beeinflussen das Kommunikationsverhalten, die Informationssuche und die Nutzung von Unterhaltungsangeboten. Bei diesen vielfältigen Möglichkeiten stellt sich die Frage: Wo hört der gesunde Umgang mit Computern und Co. auf und wo fängt ein gefährliches, vielleicht sogar suchtähnliches Verhalten an? Hier finden Sie eine Übersicht über mögliche Anzeichen für eine exzessive Mediennutzung bei Jugendlichen sowie Tipps, wie Bezugspersonen damit umgehen können.
Die deutschen Haushalte sind medial gut ausgestattet und bieten ein umfangreiches Angebot an digitalen Geräten. Smartphones, Computer bzw. Laptop und ein Internetzugang sind in nahezu allen Familien vorhanden. Stationäre Spielekonsolen finden sich in zwei Dritteln der Familien, tragbare Konsolen bei etwa der Hälfte. 95 % der Jugendlichen haben ein eigenes Smartphone, zwei von drei Jugendlichen besitzen einen eigenen Computer oder Laptop und ca. 40 % sind im Besitz einer eigenen Spielekonsole.
Wann wird der Medienkonsum zur Mediensucht?
Die Nutzung des reichen Medienangebots ist längst selbstverständlich und prägt die Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen maßgeblich. In vielen Fällen befinden sich die Geräte im Eigenbesitz der Jugendlichen und können somit intensiver genutzt werden, ohne dass sie mit anderen Haushaltsmitgliedern geteilt werden müssen oder direkt von den Eltern kontrolliert werden. Internet- und Smartphonenutzung nehmen dabei einen überwiegenden Teil der Medienbeschäftigung ein, während digitale Spiele etwa bei einem Drittel der Jugendlichen täglich Zeit beanspruchen. Ihre Mediennutzungsdauer schätzen 12- bis 19-jährige Jugendliche auf durchschnittlich 258 Minuten pro Wochentag.
In Anbetracht dieser Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen das Nutzungsverhalten mit einem kritischen oder besorgten Blick betrachten. Obwohl sich nicht minutengenau feststellen lässt, ab welchem Zeitpunkt der Medienkonsum das normale Maß übersteigt, können starke Abweichungen von gängigen Richtwerten bereits ein wichtiges Signal sein.
So lässt sich durch die Mediennutzungsdauer bereits das Risiko abschätzen, ob Hobbys, Freundschaften und Verpflichtungen außerhalb der Online-Welt in Vergessenheit geraten könnten. Jede Mediennutzung kann auch zu problematischen Entwicklungen führen – aus „normaler“ Mediennutzung wird dann ein exzessives Verhalten, das negativ in andere Aspekte des Alltags eingreift.
Seit einigen Jahren wird in wissenschaftlichen Arbeiten deshalb diskutiert, ob diese übermäßige und oftmals schädliche Mediennutzung als „Medienabhängigkeit“ oder „Mediensucht“ diagnostiziert werden kann.
Im Rahmen dieser Diskussion haben sich die Anzeichen verdichtet, dass der pathologische Mediengebrauch als eigenständiges Störungsbild im Bereich der Verhaltenssüchte angesehen werden kann. Dabei sind verschiedene Ausprägungen denkbar, z. B.:
- Sucht nach Computerspielen (vor allem Online-Rollenspiele)
- Sucht nach Sozialen Netzwerken, wie WhatsApp
- Sucht nach Onlinepornografie
Viele Eltern sind deshalb verunsichert und fragen sich, ab wann die Zeit am Computer oder Smartphone ein normales Maß übersteigt und sogar schädlich sein kann. So entsteht auch die Sorge, das eigene Kind könnte „internetsüchtig“ sein.
Im Jahr 2018 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Gaming Disorder (dt. „Videospielsucht“) als Unterkategorie der Verhaltenssüchte aufgenommen und damit offiziell als Krankheitsbild beschrieben.
Die Kampagne "Familie.Freunde.Follower" der Drogenbeauftragten der Bundesregierung soll dabei helfen, die Medienkompetenz von Jugendlichen und Kindern zu stärken und Hilfestellung für einen gesunden Umgang mit Medien zu leisten. Die Kampagne, begleitet von dem Moderator "Checker Tobi", können Sie sich auf der Webseite der Drogenbeauftragten der Bundesregierung unter dem folgenden Link ansehen: Kampagne Familie.Freunde.Follower. auf drogenbeauftragte.de
Welche Anzeichen für „Mediensucht“ gibt es?
Eine intensive Beschäftigung mit dem Smartphone, Internetangeboten oder Videospielen muss nicht unbedingt für eine Medienabhängigkeit sprechen. Überschwängliche Begeisterung und intensive Leidenschaft für bestimmte Freizeitaktivitäten gehören bei den meisten Kindern und Jugendlichen zur normalen Entwicklung. Da der Austausch mit Gleichaltrigen und die Teilhabe an der Jugendkultur stark digitalisiert sind, kann phasenweise eine verstärkte Mediennutzung auftreten.
Der Übergang von einer intensiven, aber normalen zu einer exzessiven Mediennutzung kann allerdings fließend verlaufen. Treten Schwierigkeiten mit der Mediennutzung über einen längeren Zeitraum auf oder verschlimmern sie sich abrupt, kann das auf die Entwicklung eines problematischen Nutzungsverhaltens hinweisen. Die Verhaltensweisen und Gefühle der Betroffenen ähneln dabei anderen substanzungebundenen Süchten, wie z. B. der Glücksspielsucht.
Zu den häufigsten Symptomen bei Jugendlichen zählen:
zeitlich unkontrollierter, oft stundenlanger Medienkonsum
stetige Erhöhung der Nutzungszeiten
übermäßige gedankliche Beschäftigung mit dem Medienverhalten
misslingende Versuche, die Mediennutzung zu reduzieren
Vernachlässigung der (außer-)schulischen Verpflichtungen und sozialen Kontakte
Entzugserscheinungen bei Nichtkonsum, z. B. Wut, Reizbarkeit, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit
körperliche Begleiterscheinungen wie Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafmangel etc.
Verheimlichung oder Verharmlosung des Nutzungsverhaltens und möglicher Folgeprobleme
Wie anhand dieser Symptome sichtbar wird, nimmt die exzessive Mediennutzung im Leben der Betroffenen eine zentrale Rolle ein und entzieht sich gleichzeitig verstärkt ihrer Kontrolle. Treten mehrere dieser Symptome über einen längeren Zeitraum auf, kann man von einer Abhängigkeit sprechen. Exzessive Mediennutzung lässt sich jedoch nicht ausschließlich an der Nutzungszeit festmachen, sondern wird auch von anderen Faktoren beeinflusst – z. B. der Art des konsumierten Inhalts und der emotionalen Situation, in der sich die Betroffenen befinden.
Was können Bezugspersonen tun?
Um zu verhindern, dass Kinder und Jugendliche überhaupt ein problematisches Nutzungsverhalten entwickeln, ist eine umfassende und ausgewogene Medienerziehung hilfreich. Ein kompletter Verzicht auf digitale Medien oder eine ständige Distanz zu Internetangeboten ist dabei nicht zielführend. Durch ein komplettes „Medienverbot“ können Kinder schließlich nicht die nötigen Kompetenzen erlangen, um ihre Mediennutzung später selbst zu regulieren.
Dennoch ist es empfehlenswert, dass Eltern und Kinder gemeinsam altersgerechte Richtlinien zur Mediennutzung aufstellen, die innerhalb der Familie, aber auch in anderen sozialen Situationen gelten. Eine gewisse Flexibilität der Regeln und die Bereitschaft zu Kompromissen auf beiden Seiten kann Kinder bei der Entwicklung einer eigenverantwortlichen Medienkompetenz unterstützen.
Ein exzessiver Medienkonsum von Jugendlichen macht sich meistens auch im Schulalltag bemerkbar, z. B. durch einen deutlichen Leistungsabfall oder starke Unaufmerksamkeit im Unterricht. Für Lehrkräfte ist es oft nicht einfach, die Mediennutzung ihrer Schülerinnen und Schüler über diesen Rahmen hinaus einzuschätzen. Trotzdem ist es hilfreich, wenn sie auf bestimmte Zeichen für ein problematisches Nutzungsverhalten achten und ggf. das Gespräch mit Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern suchen.
Um festzustellen, ob bereits eine übermäßige Mediennutzung vorliegt, kann der Selbsttest auf ins-netz-gehen.de helfen. Dabei werden Jugendliche dazu motiviert, ihr Nutzungsverhalten in Bezug auf Internetangebote und Videospiele selbst einzuschätzen, und erhalten im Anschluss eine detaillierte Auswertung und Handlungsempfehlung. Diese Testauswertung stellt auch für Fachkräfte eine ideale Möglichkeit dar, um sich einen Überblick über den Medienkonsum eines Betroffenen zu verschaffen und somit einen niedrigschwelligen Einstieg in die Beratung zu ermöglichen. Somit besteht für Jugendliche die Möglichkeit, schrittweise Anpassungen an der Mediennutzung vorzunehmen, bevor überhaupt ein suchtähnliches Verhalten entsteht.
Quellen:
JIM-Studie 2020
Grüsser & Rosemeier, 2004; Griffiths, 2000
Rehbein, Kleimann & Mößle, 2009
PINTA-DIARI Studie 2013
Bildquelle:
[bymuratdeniz] via GettyImages